In/Toleranz 2025

„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz.“ – das sogenannte Toleranz-Paradoxon von Karl Popper, durchaus basierend auf ähnlichen Überlegungen von Immanuel Kant viele Jahrzehnte früher, konfrontiert jeden einzelnen, gesellschaftlich reflektierenden Menschen mit der Frage der entsprechenden persönlichen Grenzziehung, der Abgrenzung, einer präzisierenden Bestimmung der eigenen Wertesituation. So wichtig eine grundsätzliche Haltung der Toleranz für das Zusammenleben in Unterschieden ist, so wichtig ist auch diese Selbstbestimmung. Dies gilt umso mehr in der Kunst, wo eine stets ausgreifender agierende Vielfalt sowie individuelle Positionierungsmöglichkeiten unumgängliche Grundlagen der qualitativen Weiterentwicklung sind. „Kunst ist die Rettung der Möglichkeit, so ist es, zu sagen.“ (Joseph Beuys) bzw. „Toleranz ist die Nächstenliebe der Intelligenz.“ (Jules Lemaitre) – wo stehen wir (heute) bzw. wo gehen wir hin, gemeinsam mit der Kunst? Das Ausstellungsprojekt in Wien und Linz, ein Kooperationsprojekt zweier unterschiedlicher Galerieinstitutionen, ist mehrstufig angelegt – ein Weiterentwicklungsprojekt, das aus einer Abfolge von Ausstellungen, Veranstaltungen, Publikationen und vor allem Gesprächen besteht, immer mit dem Ziel, eine tiefergehende Verhandlung dieser so eminent aktuellen und wichtigen gesellschaftlichen Fragestellung anzustoßen. Die individuellen Positionen der beteiligten Künstler*innen öffnen bereits einen breiten Diskursraum: Sie stellen subtil aufbereitete Botschaften einer politischen Propagandasprache zur Diskussion, präsentieren grundlegende, mit mythologischen Fragen verknüpfte Bilderzählungen, nehmen in poetischer Bildsprache direkten Bezug auf intolerante politische Bestimmungen, setzen individuelle Bildkraft zur Darstellung übergeordneter Kräfteverhältnisse ein, inszenieren performative Interventionen oder auf Toleranz basierende künstlerische Bildentwicklungen. Stets wird hier die grundlegende Frage eines respektvollen Umgangs mit sich, der eigenen persönlichen Entwicklungskraft wie auch dem anderen mit gleichen Kräften Agierenden vorgestellt; ein Spannungsverhältnis, das sich an einem wechselseitigen „Inter-esse“ orientiert, einer offenen Neugier an der Verbindung von individuellem und kollektivem Wachstum, an einer auch kulturell gedachten Biodiversität, einer bewusst auf die Zukunft hin gepflegten Vielfalt des Lebens. In der historischen Entwicklung des Toleranzgedankens, der speziell seit der Zeit der Aufklärung in Europa intensiv diskutiert wurde, nahm die Frage der Menschenrechte eine besondere Position ein. Mit der aus der Krise der Erfahrungen größtmöglicher Grausamkeiten der Intoleranz im Zweiten Weltkrieg entstandenen „Internationalen Erklärung der Menschenrechte“ im Jahr 1948 wurde ein auf die Zukunft ausgerichtetes politisches Grundsatzpapier geschaffen, das als Leitlinie über viele Jahrzehnte zumindest zitiert, wenn schon nicht in allen Details umgesetzt worden ist, … einige kuratorische Vorbemerkungen … Peter Assmann Kurator KUNSToffizin.Linz 6 | 7 DISTRICT4art | InToleranz | 2025

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