In/Toleranz 2025

gegenwärtig aber immer wieder in Frage gestellt wird im Sinne von: Die Menschenrechte sollten im vollen Umfang nicht für alle Menschen gelten. Womit eine zentrale Basis der bisherigen Toleranztraditionen zerstört wird und einer ungebremsten wirtschaftlich-machtpolitischen Vorgangsweise die Bahn frei gemacht wird. Das mächtigere Ich, der mächtigere Klub in der Gesellschaft bestimmt die Toleranzgrenzen und damit auch den Wert jedes einzelnen Menschen. Kunst hat hier in den letzten Jahrhunderten immer ein sensibles Auge auf solche Entwicklungen gehabt; sich in besonderer Weise in der Frage der Menschlichkeit aufmerksam gezeigt. Die Kunst selbst ist in der Frage individueller Kreativitätsentwicklungen voller Konflikte, die jedoch in Summe zu einer in den letzten Jahrzehnten sich umfassend steigernden Vielfalt der Erscheinungsformen und Qualitätsdiskussionen geführt haben. Alle bisherigen Bemühungen von totalitären politischen Systemen, die Kunstproduktion und ihre Distribution ideologisch eingeschränkt zu regulieren, sind nachhaltig gescheitert. Das System Kunst ist daher in besonderer Weise mit der Hoffnung auf einen immer feiner differenzierten Umgang mit der Toleranz und ihrer Abgrenzung zur Intoleranz verbunden. Es gelingt diesem System, vielfältige und durchaus kontrastierende Positionen des „Kante-Zeigens“ mit einer Grundhaltung einer letztlich auf multiperspektivischen Respekt basierenden Zukunftsausrichtung zusammen zu führen. Kein Einheitsbrei kann in diesem System überzeugen, keine zu laut vereinende Stimme wirklich überzeugen. Wenn Heinrich Schmidinger schreibt „Was schließlich zeigt, dass Toleranz als frei gewähltes Ethos, nicht als verordnete Resignation, mit einem kritischen Bewusstsein einhergeht, das zwischen ‚gerecht‘ und ‚ungerecht‘ und vor allem zwischen ‚frei‘ und ‚unfrei‘ zu unterscheiden weiß.“ (Heinrich Schmidinger: Toleranz – auch eine Geschichte Europas Basel 2024, Seite 220), so sind wir wieder bei der Toleranzbestimmung jedes einzelnen Menschen innerhalb seiner Gemeinschaften – auf der Basis von grundlegenden Menschenrechten. „Es ist nämlich die Toleranz, so die abschließende These im Anschluss an Jürgen Habermas, die eine pluralistische Gesellschaft davor bewahrt, als politisches Gemeinwesen durch weltanschauliche Konflikte zerrissen zu werden.“ (Christian Spiess: Religionsfreiheit und Toleranz, in: Jahrbuch für christliche Sozialwissenschaften, Bd. 50, 2009, S.225) Dieser Gedanke ist auch in der Toleranzerklärung der UNESCO – die auf der 28. Generalkonferenz (Paris, 25. Oktober bis 16. November 1995) von den Mitgliedstaaten der UNESCO verabschiedet worden ist - grundgelegt, die hier in ihren ersten beiden Artkeln zitiert werden soll: „Entschlossen, alle positiven Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um den Gedanken der Toleranz in unseren Gesellschaften zu verbreiten – denn Toleranz ist nicht nur ein hochgeschürztes Prinzip, sondern eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker, erklären wir: Artikel 1: Bedeutung von „Toleranz“ 1.1 Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden. 1.2 Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer. Keinesfalls darf sie dazu missbraucht werden, irgendwelche Einschränkungen dieser Grundwerte zu rechtfertigen. Toleranz muss geübt werden von einzelnen, von Gruppen und von Staaten. …“ – am besten funktioniert das mit einem aktiv gepflegten Wollen zur Kunst.

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