INA LOITZL - TAKE OFF I Before you fly _ Fotografiecollage I Fotografie hinter Acrylglas I 60 x 90 cm und 80 x 120 cm I 2020
et caelum certe patet |
...der himmlische Raum ist frei (Ovid, Metamorphoseon libri)
„Obwohl vor über 2000 Jahren verfasst, ist Ovids (Publius Ovidius Naso) Erzählung „Daedalus und Ikarus“
nicht nur von zeitloser Gültigkeit und wurde deshalb seit dem Mittelalter häufig rezipiert, sondern der
Mythos birgt auch Metaphern, die in die Gegenwart und als Synonym für viele philosophische Assoziationen
transferiert werden. Aber sicherlich nicht nur aufgrund des plakativen Sprichwortes „Hochmut
kommt vor dem Fall“, dessen Ursprung sich aus dieser Metamorphose generierte. Vielmehr ist es ein
zeitgenössisches Sinnbild, seine eigenen Grenzen zu erkennen, obwohl „der himmlische Raum frei ist“,
um nicht gleich Ikarus mit seinen Flügeln ins Meer zu stürzen, da die Sonne das schützende Wachs seiner
Federn schmelzen lies. Das Erkennen, wie hoch man selbst in die Lüfte aufsteigen darf und kann,
um nicht in einer Katastrophe zu enden, ist der entscheidende Punkt.
Seit einigen Jahren thematisiert Ina Loitzl in unterschiedlichen Zugängen die Metapher des Ikarus. So erzählt
sie in ihrer Cut-Out-Technik in einem Animationsfilm und Daumenkino die mythologische Episode,
entwickelte ein Buch mit Originalarbeiten, greift für Siebdrucke die Bildnisse der Federn, des Meeres
und Phrasen des Hexameters auf und schildert in Collagen den Moment des Schmelzen des Wachses
und das weitere Schicksal des Ikarus. Ein großer, silberner Textilflügel, der von der Wand in den Raum
reicht, verweist symbolhaft mit seiner kraftvollen Körperlichkeit auf die interpretative Zerstörung und das
schmelzende Wachs, die die Ikarus-Erzählung in sich birgt. Wenn Ina Loitzl ihren fast erwachsenen Sohn
mit Flügeln fotografisch inszeniert und betitelt „Ikarus before you fly“, ist es auch als visualisierter Prozess
des Loslassens aus der elterlichen Obhut zu verstehen, da sie als seine Mutter ihn nun in den
„himmlischen Raum“ frei fliegen lässt, damit er seine eigenen Entscheidungen treffen und Erfahrungen
sammeln kann.
In ihrer Serie „Superman“ - die gemeinsam mit den Ikarus-Arbeiten präsentiert wird - konfrontiert Ina
Loitzl den tragischen mit dem schillernden Helden. Im Gegensatz zu Ikarus überwindet Superman nicht
nur alle Hindernisse, sondern schafft auch mühelos alle Probleme aus der Welt. Da die Künstlerin aber
das Erscheinungsbild des Comics referiert und das Plakative aufgrund der halbkugelhaften, isolierenden
Plastikelemente erhöht, wird die Gestalt des Supermans noch irrealer und zum Trugbild. Männer,
die sich als Superhelden und unbesiegbar fühlen, erkennen oft nicht ihre Grenze und der Absturz folgt
paradigmatisch irgendwann.
Die Künstlerin schafft damit einen Bogen zwischen der Moral dieser Metapher, dem amerikanischen
Traum - wo alles möglich scheint - und auch der Kultur des Scheiterns. Die Überwindung der eigenen
Grenzen bedeutet oft auch ein Erreichen anderer, höherer „Sphären“, auch wenn der anschließende
„Absturz“ vorprogrammiert ist. Oft ist auch das Scheitern eine Chance, neue Stärken zu gewinnen. Daher
lautet der Ausstellungstitel „Ikarus – border – less“ und kann als Aufforderung der Künstlerin verstanden
werden, den Versuch die eigenen Grenzen zu überwinden auch zu wagen.“
schreibt Gabriele Baumgartner, Kunsthistorikerin und Kuratorin